Benjamin Targan

„Wir begegnen den Jugendlichen auf Augenhöhe“

„Eigentlich hatte ich einen guten Start ins Leben – und bin dann gefallen“, erklärt Benjamin, als er beginnt, von seiner Biografie zu erzählen.

Er wuchs mit zwei älteren Schwestern bei seinen Eltern in Hannover auf, besuchte das Wirtschaftsgymnasium und absolvierte eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Ein Job, der ihm eigentlich Spaß gemacht hatte. Als er seine Ausbildung abgeschlossen hatte, wollte ihn die Firma übernehmen. Doch es kam anders…

„Ich habe mich selber schachmatt gestellt“

„Ich wurde da rausgerissen, weil ich meinen Zivildienst leisten musste“, erklärt er.
Eine Arbeit, die ihm keinen Spaß machte und eine Zeit, in der es für den heute 38-Jährigen bergab ging: „Zu der Zeit habe ich an der Börse spekuliert – und dabei viel Geld verloren… Ich habe mich selber schachmatt gestellt!“

Er begann, im Sicherheitsdienst zu arbeiten, verdiente sein Geld eine Zeit lang als Türsteher. Bis er 2003 zum ersten Mal verhaftet wurde und zunächst in Untersuchungshaft kam.
Sein Urteil: 3 Jahre und 4 Monate. Wegen Betruges.
„Im Knast bin ich immer gerade gelaufen und habe jahrelang die Füße stillgehalten“, betont er.

Doch es sollte nicht bei diesem einen Knastaufenthalt bleiben. Nach seiner Entlassung aus der JVA arbeitete er zunächst wieder im Sicherheitsdienst. „Es lief so lala. Irgendwie habe ich wieder angefangen, falsche Kontakte zu knüpfen.“ – Wie es dazu kam? „Man kennt hier und da jemanden und dann kommt das Eine zum Anderen.“

„Ich habe nicht viel drüber nachgedacht, für mich war das schnelles Geld“

Und das führte ihn zum nächsten krummen Ding: Während er in Spanien Urlaub machte, sollte er Koks schmuggeln. „Ich habe nicht viel drüber nachgedacht, für mich war das schnelles Geld.“

Aber er flog auf und wurde von der Polizei aufgegriffen. Noch in Spanien wurde er verhaftet und kam zunächst dort in Untersuchungshaft.

„Es kommt mir so vor, als wenn es gestern war. Man realisiert so was in dem Moment gar nicht – und man verarbeitet viele Sachen auch nicht.“
Wie beispielsweise den Tod seines Vaters, von dem er während seiner Haftzeit in Spanien erfuhr. „Ich habe keine Träne verdrückt. Und hatte keine Möglichkeit, ihm die letzte Ehre zu erweisen.“

„Jemand der kriminell ist, ist noch lange kein schlechter Mensch“

In den letzten Jahren vor seinem Tod seien sein Vater und er ein Herz und eine Seele gewesen. Nachdem er nach Deutschland verlegt worden war, nutzte er seinen ersten Haftausgang, um seinen Vater auf dem Friedhof zu besuchen. „Um inneren Frieden zu schließen“, fügt er hinzu.

Generell stehe seine Familie immer hinter ihm. Seine Schwester habe ihn öfter in Spanien im Gefängnis besucht, bevor er in die deutsche JVA verlegt worden war.

Auch seine andere Schwester, sein Schwager oder seine Mutter seien später in der JVA in Hannover zu Besuch gewesen. Er gibt zu: „Ich habe meine Eltern geschockt mit meiner kriminellen Geschichte. Aber jemand, der kriminell ist, ist noch lange kein schlechter Mensch.“

„Wie weit kann diese Arbeit gehen?“

Das merke er auch in der Arbeit mit den Jugendlichen. Ein Fall, der ihm besonders nahe gegangen sei, war ein Jugendlicher, der von seinen Eltern in ein Heim gegeben worden war. Er habe traurig im Stuhlkreis zwischen den Häftlingen gesessen, weil seine Eltern nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten und ihn nicht mehr liebhatten.

Da sei Benjamin an seine Grenzen gestoßen. „Ich hatte Mitleid mit dem Jungen und gleichzeitig habe ich mich gefragt: ‚Wie weit kann diese Arbeit gehen?’“

„Ich wollte einen Sinn in meinen Haftalltag bringen“

Als Inhaftierter sei er durch einen Mithäftling auf das Projekt aufmerksam geworden und wollte ohne Zögern daran teilnehmen.

Die Tätigkeit bei Gefangene helfen Jugendlichen e.V. sei zum Einen eine Chance für ihn gewesen, seinen Alltag hinter Gittern zu verändern. „Wenn man lange sitzt, wird man abgestumpft“, sagt er. „Ich wollte auch einen Sinn in meinen Haftalltag bringen.“

Zum Anderen sei es auch die einzige Möglichkeit, als Inhaftierter helfen und etwas bewegen zu können.

„Alle reden immer über Resozialisierung – aber es passiert nichts!“

Denn die Arbeit mit den Jugendlichen gibt vielen Inhaftierten wieder eine Aufgabe oder einen Sinn während ihrer oftmals langen Haftstrafen. „Es ist abgefucked, dass man die Leute einfach nur wegschließt. Alle reden immer über Resozialisierung – aber es passiert nichts!“

Benjamin ist zweimal verurteilt worden und hat viele Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Dem Thema Resozialisierung steht er kritisch gegenüber:
„Erwachsene Inhaftierte sind kaum mehr resozialisierbar“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. Wenn ein Inhaftierter nach jahrelanger Haft entlassen werde, sei es eine Frage der Zeit, bis er wieder straffällig und inhaftiert werde.

Angeblich liege die Rückfälligkeitsquote bei 60 bis 70 Prozent. „Aber ich denke, es sind eher 80 bis 90 Prozent, die wieder Scheiße bauen!“, erklärt er.

„Wir sind eher wie große Brüder für die Jungs, aber nicht wie Sozialpädagogen“

Für ihn sei die Arbeit von Gefangene helfen Jugendlichen auf mehreren Ebenen sinnvoll:
„Die Jugendlichen sind noch erreichbar. Das ist die einzige Möglichkeit, bei ihnen noch etwas zu verändern.“

Aber auch die Gefangenen profitierten davon: „Die Früchte, die wir säen, ernten wir auch. Man freut sich dann, wenn man etwas zurückbekommt – und bei den Jugendlichen merkt man das sofort. “

Dabei ist auch die Rolle der Inhaftierten von besonderer Bedeutung: „Wir begegnen den Jugendlichen auf Augenhöhe. Wir sind eher wie große Brüder für die Jungs, aber nicht wie Sozialpädagogen!“

„Das ist verlorene Zeit, die mir nichts und niemand zurückgeben kann!“

Mittlerweile ist Benjamin im offenen Vollzug und bei Gefangene helfen Jugendlichen e.V. fest angestellt. Als Projektkoordinator kümmert er sich um die Projekte in Hannover, organisiert die Vor- und Nachbereitungen an den Schulen und natürlich die Projekttage in der JVA.

Viele Jahre Knast liegen mittlerweile hinter ihm: „Das ist verlorene Zeit, die mir nichts und niemand zurückgeben kann.“

„Das Einzige, was ich sehe, ist, so viele Jugendliche wie möglich zu erreichen“

Wenn er heute von seinem Leben erzählt, weiß er: „Hätte sich damals ein Rädchen anders gedreht, wäre alles anders gelaufen.“

Diese Erfahrungswerte gibt er Jugendlichen heute bei seiner Arbeit mit auf den Weg.

Zwar steht ihm noch eine Zeit lang offener Vollzug bevor, aber er hat Ziele: „Ich bin jetzt bald 40 und möchte auch mal eine Familie gründen.“

Außerdem weiß er genau, wie es mit seiner Arbeit bei Gefangene helfen Jugendlichen weitergehen soll: „Das Einzige, was ich zur Zeit sehe, ist, das Projekt voranzubringen und so viele Jugendliche wie möglich zu erreichen!“

 

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